Lange war ich davon überzeugt, dass mit der Selbstfindung der größte Schritt in der eigenen Entwicklung geschafft ist. Ich dachte immer: Wenn ich mich einmal selbst gefunden habe, dann wird alles in mir und um mich herum klarer, einleuchtender. Wenn ich weiß, wer ich bin, dann würde ich schon wissen, was ich mit mir anzufangen hätte. Was ich dann aber beobachtet habe, zerstört irrige Hoffnungen und verschafft in ganz anderer Hinsicht Klarheit.
Große Gemälde wiegen schwer
Wenn man einmal ein paar Jahre hart an seinem Selbstbild gearbeitet hat, dann kann die reife Leistung, auf der wir unser Selbstbewusstsein bauen, wie ein schweres, teures Ölgemälde aus einem Museum wirken. Wie ein Meisterwerk, auf das der Museumswärter in uns wie auf seinen Augapfel achten muss. Ich habe mich gefunden, heißt eigentlich nichts anderes, als ein klares Bild von mir, meinen Wünschen, Zielen, Freuden, meinem Leiden und meinen Leidenschaften bekommen zu haben.
Tausche Kunstschatz gegen eine Karikatur
Wer sich selbst gefunden hat, hat alles Handwerkszeug in der Hand, sein Leben in vollen Zügen zu leben. Mit etwas Mut und Glück können die richtigen Weichen gestellt werden. Auf das die Reise in Länder geht, in denen man zu Hause ist. All diese neuen Erfahrungen bringen unabänderlich auch wieder eine Änderung mit sich. Man entwickelt sich weiter und vielleicht irgendwann auch wieder von dem Punkt weg, an dem man sich selbst gefunden hat, so dass man sich dort nicht mehr wohl fühlt. Denn all unsere Wünsche, Ziele, Freuden, Leiden und Leidenschaften werden sich immer wieder ändern, Prioritäten sich verschieben, Ansichten wechseln. Wer sein Selbst nicht als ein kostbares Ölgemälde, sondern vielleicht eher wie eine Karikatur – von einem Straßenkünstler in Minuten gezeichnet – betrachtet, nimmt sich nicht so ernst, bleibt flexibel und hat sich wirklich selbst gefunden. Er hat nicht jemanden gefunden, der sein inneres Eigenheim aus schwerem Stein gebaut hat und für immer an einem Ort verweilt. Er hat einen Reisenden gefunden. Werter Herr Tolkien, ich überlasse Ihnen das Wort:
Not all those who wander are lost.
Das Ende. Und nun?
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2 Kommentare
Es gibt sogar einen Spruch, der besagt, das sich der Mensch alle 7 Jahre verändert…nicht nur körperlich.
Seltsamerweise können mir das Viele bestätigen:
Mit 7 erlangt man etwas mehr Bewußtsein von seiner Außenwelt, entwickelt sogar soziale Eigenschaften (die Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt eines Anderen hineinversetzen können), mit 14 Jahren entdeckt man das andere Geschlecht und die eigene Rolle in der Gesellschaft (manch einer früher, der andere später). Mit 21 gilt man per Gesetz als volljährig und selbst möchte man auf eigenen Beinen stehen. Mit 28 (und da stehe ich) verändert sich das Weltbild, vieles wird klarer, man kann mehr, man beweist sich in der Gesellschaft. Mit 35 Jahren zählt man schon zu den Älteren, man wird ernster genommen, hat bestimmte Fähigkeiten entwickelt, die ausgereift sind. Mit 42 blüht man noch mal so richtig auf, meist hat man sich ein gutes Umfeld “erarbeitet” und genießt so richtig das Leben, mit dem Wissen, nicht mehr alles so ernst zu nehmen. Mit 49 kommt man in eine melancholische Phase, wo einem der Tod bewußter wird und man wird ruhiger, gelassener, selbstsicherer u.s.w.
Ich bin überzeugt, das man sich in diesen Phasen immer wieder neu entdeckt und komplett ein anderes Wesen darstellen kann.
Ab einen gewissen (hohen) Alter darf man schon eher sagen: ich habe mich gefunden…das bin ich.
Ich danke Dir für Deinen Kommentar! Kennst Du Untersuchungen aus der Psychologie, die diese Sieben-Jahre-Hypothese stützen? Ich finde die Idee spannend. Die Frage ist nur, ob es wirklich eine direkte Beziehung zwischen den sieben Jahren und den Entwicklungsstufen gibt.
Was mich noch interessiert: Muss man sich überhaupt selbst finden (wollen)? Im Buddhismus geht es beispielsweise um die Auslöschung des Egos. Hier haben derartige Konzepte keinen Platz.